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In Würde altern

Ich habe heute eine Mail von Petra bekommen – einer Internetfreundin. Sie hat mir einen Link zur “Petition zur Überprüfung der Menschenwürde in Pflegeheimen” und eine eigene Geschichte mitgeschickt, in der sie eine andere Sicht der Altenpflege erlebt. Ich kenne Menschen, die sich tagtäglich um das Wohl alter und demenzkranker Menschen kümmern und sich in diesem Beruf aufopfern.
“Die Würde des Menschen ist unantastbar.” So steht es in Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes.
Was aber ist Würde und wo hört sie auf, wird sie angetastet ?
In Wikipedia steht u. a. , “dass alle Menschen unabhängig von ihrer Herkunft oder anderer Merkmale wie Geschlecht, Alter oder Zustand denselben Wert haben, da sie sich alle durch ein dem Menschen einzig gebebenes schützenswertes Merkmal auszeichen – die Würde.”
Aber wie “würdevoll” kann ein pflegebedürftiger Mensch in Pflegeheimen versorgt werden, wenn viel zu wenig Pflegepersonal eingestellt wird – nicht weil es keines gibt, sondern weil es sich nicht rechnet. Dabei ist der Verdienst von Pflegepersonal im unteren Bereich, obwohl sie Beträchtliches für die Gesellschaft leisten.
Die Kurzgeschichte von Petra hat mich sehr bewegt und nachdenklich gemacht:
Dankbar
Hier liege ich nun. Ein kleiner Raum. Ist es nicht egal wie groß er ist? Der Schrank dort. Alle meine Sachen sind darin. Was brauche ich noch? Sie sagen ich kann nicht aufstehen. Kann nicht herum laufen. Bin zu schwach und es ist nicht die Zeit da um mich zu halten, mich herum zu führen. Sie sagen, dass ich hier am besten aufgehoben
bin.
Damit ich nicht aus dem Bett falle haben sie die Gitter daran hoch gezogen. Alles zu meinem Schutz. Ich muß dankbar sein, dass sie sich so um mich kümmern.
Ach.. dahinten ist ein Fenster. Schade, dass ich nicht hinaus sehen kann. Es ist zu weit weg. Dabei möchte ich doch so gern die Sonne sehen. Die Bäume. Die Blumen und die Vögel. Wenn sie mich zum füttern aufsetzen versuche ich immer einen Blick zu erhaschen. Doch sie stehen an der anderen Seite und mögen es nicht wenn ich meinen Kopf weg drehe. Dann dauert es zu lange sagen sie und sie haben nicht viel Zeit. Nein ich will sie nicht verärgern. Ich muß dankbar sein, dass sie sich um mich kümmern.
Was wohl aus meiner kleinen Wohnung geworden ist? Wie haben sie gesagt? Ich kann dort nicht mehr bleiben, weil ich ganz allein lebe. Dabei war ich nicht allein. Da waren die Katzen im Hof. Die schwarze, dass war meine Lieblingskatze. Ich habe sie Morle genannt. Sie ließ sich immer von mir streicheln und da waren die Vögel. Sie
kamen in das Vogelhaus auf dem Balkon. Ja, das Finkenpaar kam jedes Jahr. Sie waren schon richtig zahm und haben herrliche Musik gemacht. Immer wenn sie ihr Lied anstimmten schloss ich meine Augen und träumte vor mich hin. Auch Schmetterlinge kamen, die sich an meinem Flieder erfreuten. Zu gern habe ich ihnen zugeschaut. Da war der blaue Himmel. Selbst wenn es mal trübe war oder geregnet hat. Ich habe es geliebt auf dem Balkon zu sitzen. Mit Decke unter der Markise war das ein wunderschönes Erlebnis. Da war die Sonne die mich morgens
mit ihren Strahlen weckte. Jedes Mal hat sie mich zum Lächeln gebracht.
Ohne Zähne ist es schwer zu lächeln. Sie haben gesagt ich brauche sie nicht mehr. Sie sind sehr nett hier. Sie haben nur nicht viel Zeit. Es sind eben so viele Alte sagen sie. Ich muß dankbar sein, dass sie sich um mich kümmern.
Obwohl sie mich ziemlich seltsam behandeln. Wie ein kleines Baby. Es muß wohl so sein. Ich kann ja nichts mehr machen. Sie nehmen mir alles ab, damit es schnell geht. Es ist ja auch besser so. Wenn sie nur ein bisschen mehr Zeit für mich hätten. Ich würde mich gern mal mit ihnen unterhalten. Ach.. sie können mich ja nicht verstehen.
Deswegen reden sie mich wahrscheinlich nicht an. Auch ihre Sprache ist so als reden sie mit einem Baby. Nein. Ich will nicht undankbar sein. Sie haben viel zu tun. Ich muß dankbar sein, dass sie sich um mich kümmern.
Wissen sie überhaupt wie ich heiße? Mit meinem Namen werde ich nur selten angesprochen. Meistens bekomme
ich irgend welche Kosenamen. Schade ich kann es ihnen nicht sagen. Ohne Zähne verstehen sie mich eh nicht.
Wissen sie, dass ich gern Schokoladenpudding esse? Nein ich glaube nicht. Woher sollten sie es wissen? Sie fragen mich ja nie. Es ist gut, dass ich hier bin. Was sollte sonst aus mir werden? Sie kümmern sich um mich. Sie halten mich sauber, geben mir zu essen. Was will ich mehr. Da ist es nicht schlimm, wenn es manchmal weh tut, wenn sie mich umdrehen. Oder ich erschrecke, weil sie nichts sagen, wenn ich hin- und hergerückt werde. Schließlich mache ich ihnen nur Arbeit. Sie sorgen für mich. Waschen mich. Legen mir eine frische Windel an. Es ist meine Schuld, wenn sie öfters total voll ist. Dann darf ich eben nicht so viel trinken.  Bei so vielen Leuten haben sie  nicht viel Zeit für den Einzelnen. Sie geben sich Mühe und ich muß dankbar sein, dass sie sich um mich kümmern.
© Petra Schneider
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Unsere Alten sind es wert, sie sind es wert, dass sie wenigstens unsere Stimme bekommen! Unsere Regierung weiß, warum sie 50.000 Unterschriften angesetzt hat, sie denkt es ist nicht zu schaffen. Mit Hilfe des Internets
können wir es schaffen! Bitte helft dabei.
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Danke!!!       Herzliche Grüße     Petra Schneider
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Vielen Dank an Dich, liebe Petra, dass Du mir Deine Geschichte und den Link  zugeschickt hast.
Ich kann mich der Bitte von Petra nur anschließen und Euch bitten, diese Petition ebenfalls zu unterstützen.
Dies ist über den Link (oben) online möglich – aber auch durch Ausdrucken einer Unterschriftenliste Petition, die dann entweder per Fax an folgende Nummer  0341 56 11 658 oder per Post an folgende Adresse geschickt werden kann: Blumenstraße 66 – D-04155 Leipzig – Germany .
Annett Kleischmantat erreicht Ihr auch über Mail: Kleischmantat@t-online.de
Wir wünschen uns alle ein langes Leben und dazu gehört auch der Wunsch und die Möglichkeit in Würde alt zu werden.
Herzliche Grüße
Evi
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